Von Menschen und anderen Monstern
Oder: Ein Trip in das Perryversum des William Voltz
Romanserien haben etwas von Menschen. Sie werden unvollkommen geboren, sie sind das Werk von vielen, sie durchlaufen eine stürmische Jugend, um schließlich in späteren Jahren in sich zu gehen und sich über das eigene Ungestüm der Jugend zu wundern.
Das gilt auch für Perry Rhodan. Die Serie ist die Schöpfung von K.H. Scheer und Walter Ernsting, eines Teams, und als Teamprojekt wird Perry Rhodan bis heute weitergeführt. Liest man heute die ersten Hefte der Serie, ist man frappiert über die vielen Widersprüche und Fehler und gleichzeitig berauscht von dem Potential der Serie. Dann die stürmische Jugend: Aufbruch in die Milchstraße, der Sprung nach Andromeda (und in die Vorzeit), der Sprung nach M87, schließlich nach Gruelfin – in immer weitere Fernen dringen die Menschen vor. Und schließlich mit – dem viel zu früh verstorbenen – William Voltz die Reife: Der Aufbruch in das Innere, Nicht-Helden wie Alaska Saedelaere, der Bruch mit dem Menschen-bleiben-immer-Sieger-Dogma, das Ende der Selbstzufriedenheit. Das Solare Imperium zerbricht, die Erde wird entvölkert und ES, der Übervater, wird entthront. Nicht länger ist ES, Superintelligenz und Mentor der Menschheit, übermächtig – und genauso wenig sind es die Menschen.
Menschen sind im Perryversum des William Voltz meist nur Nebenfiguren. Die Menschheit ist nicht mehr länger das auserwählte Volk einer höheren Entität, sondern (bestenfalls) sich selbst überlassen. Voltz' Charaktere sind oft Zerrissene. Getriebene. Schwache, die im entscheidenden Moment manchmal über sich selbst herauszuwachsen vermögen. Die manchmal im entscheidenden Moment erkennen müssen, dass sie ihm nicht gewachsen sind.
Ich gestehe, für mich stellt das Perryversum des William Voltz nach wie vor die Zeit der Serie dar, die mich am meisten berührt – und mit »Pan-Thau-Ra« (Amazon-Link) bot sich mir die Gelegenheit, in dieses Perryversum vorzustoßen. Die Trilogie, ursprünglich 2005/6 erschienen und jetzt neu als Sammelband aufgelegt, markiert in gewisser Weise den Höhepunkt meiner Arbeit für Perry Rhodan. Sie entstand nach meinen Ideen, ich schrieb den Auftaktband »Die Lebenskrieger«, der bis vor kurzem (»Alien Earth – Phase 3«, der im Juli erscheint, schlägt ihn) mein längster Roman war, und dazu betreute ich als Redakteur die beiden weiteren Bände der Trilogie von Andreas Brandhorst und Mark Hillefeld.
Mehr Freiheit bei Perry Rhodan geht nicht. Und »Pan-Thau-Ra« schöpft sie konsequent aus. Die Trilogie geht dem Schicksal des Sporenschiffs Pan-Thau-Ra nach, einem planetengroßen Gebilde, das der Kosmologie der Serie zufolge vor Äonen Leben und Intelligenz über das Universum streute. Es ist eine Geschichte, die vom Leben handeln sollte, aber tatsächlich vom Sterben berichtet. Es ist eine Geschichte von Angst, die blind macht, und von hehren Absichten und ihren grausamen Folgen. Es ist eine Geschichte, in der den Menschen bestenfalls eine Nebenrolle zukommt – und die gleichzeitig ohne Menschen undenkbar ist.
Menschen sind der Maßstab, an dem das Volk der Loower gemessen wird, das sich anschickt, das Sporenschiff Pan-Thau-Ra zu erobern. Die Loower sind Getriebene und im Glauben, es gebe keine Rücksichten im Kampf für die gerechte Sache, führen sie einen Vernichtungsfeldzug. »Die Lebenskrieger« zeichnet ihn nach.
Da ist Lifkom Tremter, terranischer Botschafter auf Oxtorne. Ein gewöhnlicher Mensch, der sich unter Übermenschen behaupten muss – und der erfahren muss, dass es auch für Übermenschen Grenzen gibt.
Und da ist schließlich Yun, der rotzfreche Junge von der Eiswelt Snowflake, vier Generationen davon entfernt, ein gewöhnlicher Mensch zu sein. Yun (Lebensphilosophie: »Friss Schnee, Mann!«) hat nur Verachtung für gewöhnliche Menschen übrig, und doch können nur sie ihn retten.
William Voltz, glaube ich, hätte Gefallen an Yun gefunden – und an »Pan-Thau-Ra«.
© 2008, Frank Borsch Beitrags-Link: http://www.alienearth.de/blog/?p=85
am 1. Dezember 2008 um 15:40 Uhr.
Nach AE3 ist Dein Eintrag hier der letzte Anstoß, den ich zum Kauf brauchte … :-)
am 1. Dezember 2008 um 15:44 Uhr.
Hallo Alfred,
das freut mich! Und wenn Alien Earth deinen Geschmack getroffen hat, liegst du mit Pan-Thau-Ra auf jeden Fall richtig!
Frank