Zwei (überaus hektische) Wochen sind seit der Premiere des Theaterstücks »Alien Earth – Phase 1« vergangen, und ich muss gestehen, dass ich mich von Zeit zu Zeit, wenn ich allein am Schreibtisch sitze, immer noch in den Arm zwicke, um sicher zu sein, nicht zu träumen.
Es ist einfach zu phantastisch.
Science Fiction und Theater, das sind zwei Welten, zwischen denen ein Abgrund klafft, zu weit eigentlich, um ihn zu überbrücken.
Und doch ist es geschehen. Martin Wigger, der Dramaturg, der »Phase 1« in eine Bühnenfassung brachte, die Regisseurin Simone Eisenring, das Ensemble des Theaterhauses Jena – sie alle haben den Sprung gewagt, das Unmögliche versucht.
Unmöglich? Ja. Denn Science Fiction steht seit Star Wars, also seit über dreißig Jahren, für großes Kino. Eye Candy, Futter für das Auge, von dem jeder früher oder später einmal genascht hat.
Es ist nicht einfach für einen gewöhnlichen SF-Autor gegen diese (Über)Macht der Bilder anzuschreiben, ja, manchmal scheint es sogar aussichtslos. Aber wir Autoren sind zum Glück nicht völlig wehrlos. Wir haben Textverarbeitungen, beinahe beliebigen Platz, unsere Ideen auszubreiten, und natürlich unsere Phantasie und Entschlossenheit (oder ist es Trotz?).
Unsere Worte sind mächtig. Potentiell. Sie können in den Köpfen der Leser ganze Welten entstehen lassen, sei es die der nahen Zukunft wie in »Alien Earth«, sei es in Millionen von Lichtjahren Entfernung oder in Alternativwelten.
Was das angeht, unterscheiden wir uns nur wenig von der Bühne. Zugegeben, dort agieren mit den Schauspielern echte Menschen, und vieles, was im Roman einen langen Absatz braucht, benötigt auf der Bühne nur eine Geste. Aber: Es ist schlicht unmöglich, die Welt des Jahres 2065 in Bühnenbilder zu packen, etwa Züge mit Überschussmenschen über die Bühne rollen zu lassen, den Frankfurter Hauptbahnhof nachzubauen oder Ekins Suche nach Paul Szene um Szene ins Bild zu setzen. Die Welt muss in der Phantasie der Zuschauer entstehen, das große Kino muss sich in den Köpfen abspielen.
Ist das in Jena gelungen?
Offen gestanden, ich bin der Letzte, der das beurteilen könnte. Das Stück hat in mir einen ganz eigenen Film heraufbeschworen. In Breitwand, hochaufgelöst, mit zahllosen Verästelungen. Ich fand mich in die Zeit des Schreibens zurückversetzt, erinnerte mich wieder an die vielen verworfenen Ideen und Varianten, ohne die ein lesenswerter Roman nicht entstehen kann.
Und das, finde ich, ist beachtlich. »Phase 1« ist ein komplexer, beinahe 500 Seiten umfassender Roman. Daraus ein Stück von 90 Minuten Länge zu machen, ist ein schwieriger, schmerzhafter Prozess, der in Jena bis zum Vortag der Premiere andauerte. Er bedeutet Kürzung um Kürzung und mit jeder von ihnen wächst die Gefahr, dass das, was das die Vorlage ausmacht, verloren geht. In Jena ist das nicht geschehen. Kompliment!
PS: Das Theaterhaus Jena steht kurz vor der Sommerpause. »Phase 1« wird im Herbst wieder im Programm sein.
© 2008, Frank Borsch Beitrags-Link: http://www.alienearth.de/blog/?p=83
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